Einsatz Iran 2003

Erdbebeneinsatz in Iran 26. bis 30.12.2003

Im Mai 2003 bestand die Search and Rescue Unit Voralrberg ihre Feuertaufe nach einem furchtbaren Erdbeben in Nordalgerien. Damals dachte wohl kein Mensch daran, dass innerhalb desselben Jahres - bereits nach sieben Montaten - eine weitere furchtbare Naturkatastrophe rund 35.000 Menschenleben kosten würde.

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich am 26. Dezember die Meldung über ein schweres Erdbeben in der Stadt Bam, im Iran. Von Stunde zu Stunde ließen die Nachrichtensendungen erkennen, dass das Ausmaß dieser Naturkatastrophe unsere menschliche Vorstellungskraft bei weitem übersteigen wird. Diese Nachrichtenmeldungen und die Erinnerung an den Einsatz in Algerien alarmierte die Helfer der SARUV.
Am 26. Dezember um 10.30 Uhr begann mit Alarmierung der Kommandogruppe die Planungsphase zum Projekt II der SARUV. Jede Stunde wurde genutzt um sich optimal auf einen möglichen Einsatz vorzubereiten. Dabei stellten sich die beim ersten Einsatz in Algerien gewonnenen Erfahrungen als sehr wertvoll dar. Anhand der bestehenden Geräteliste, Medikamentenliste und der Liste über die erforderliche Verpflegung wurde die gesamte Ausrüstung mit einer beachtenswerten Routine zusammengestellt. "1.200 kg und kein Kilogramm mehr, das ist eine Menge, die wir jederzeit selber verladen können und somit die notwendige Flexibilität gibt, "sagt Markus Lorenzi, Teamleader SARUV.

Einsatzbefehl

Um 17.30 Uhr erhielt die SARUV den offiziellen Einsatzbefehl. Dieser Startschuss bedeutete für die Mannschaft geeignete Transportmittel zu suchen. Bei dieser Aufgabe war der eng bemessene Zeitrahmen ein sehr großes Problem. In 2,5 Stunden (nach 20.00 Uhr wurde der Flugbetrieb bei den meisten Flughäfen eingestellt) war es an diesem 26. Dezember nicht möglich, bei den Flughäfen in Altenrhein, Zürich, Friedrichshafen, Stuttgart, München und Innsbruck ein geeignetes Flugzeug zu chartern. Da für den 27. Dezember eine Aussicht bestand, von Wien aus den Transport zu organisieren, entschloss sich die SARUV zu einer Bahnfahrt quer durch Österreich. Die 1.200 Kilogramm Ausrüstung, in handlichen Zargesboxen, wurde kurzerhand auf das neue Transportfahrzeug des Landesfeuerwehrverbandes verladen und in einer "Non-Stop-Aktion" von Rankweil nach Wien transportiert. Am Morgen des 27. Dezember wurden die Helfer der SARUV von Feuerwehrkameraden unter der Führung OBR Franz Rath sehr herzlich empfangen und bis zu Abflug ausgezeichnet betreut.
Rund 27. Stunden nach dem Start des "Projektes II" hob "Thomas Cook", so die plakative Beschriftung des Flugzeuges, vom Flughafen Wien-Schwechat ab. Während des Fluges studierten die Helfer der SARUV ihre umfangreichen Reiseunterlagen.
Jedes Mitglied der SARUV erhält bei Reiseantritt zu einem internationalen Einsatz eine Mappe mit Kartenmaterial, Wetterinformationen, Informationen über das Schadensausmaß soweit bekannt, Allgemeine Informationen über das Land u.v.m. "Es ist für jeden Helfer von großer Bedeutung, dass er im Vorfeld über das Einsatzgebiet so viel Informationen wie möglich erhält und sich somit ein Bild von dem machen kann, was ihn möglicherweise erwartet", sagt Teamleader Lorenzi. Buchstäblich vergeht die Zeit wie im Flug. Um 18.00 Uhr setzt das Flugzeug "Thomas Cook" auf der Landespiste in Kerman, eine Stadt rund 180 Kilometer von Bam entfernt, auf.

Verlegung ins Katastrophengebiet

Entladen der 1.200 Kilogramm schweren Ausrüstung und die Organisation eines geeigneten Transportmittels sind Aufgaben, die die Helfer aus der Ruhephase, die während des Fluges möglich war, herausreißen.
Zur Überraschung aller steht für die Reise auf der Straße ein komfortabler Reisebus, wie wir auch bei uns kennen, zur Verfügung.
Nach einer Fahrt von 2,5 Stunden ist rund 6 Kilometer vor der Stadt Bam verkehrsbedingt absoluter Stillstand. 4,5 Stunden - dann geht es in die Stadt an der berühmten Seidenstraße. "Eine beeindruckende, schöne und sicherlich lebenswerte Stadt muss dass vor den schrecklichen 30 Sekunden gewesen sein", meint Lorenzi Markus im Gespräch mit der Österreichischen Feuerwehr".

Lageeinweisung

Am 28. Dezember um 05.00 Uhr in der Früh wird das vorübergehende "Zuhause" der SARUV erreicht. Rund 43 Stunden nach dem Startschuss für den Hilfeeinsatz befindet sich die SARUV im eigentlichen Einsatzgebiet.
Vier Stunden nach Ankunft wird die Arbeit vor Ort nach einer Einsatzbesprechung aufgenommen. Es gibt keine Pläne, es gibt keine Einsatzleitung. Nach einer Stunde steht dann doch ein provisorischer Einsatzplan zur Verfügung. Es ist eine händische Skizze, auf der die Suchdestrikte eingeteilt werden.
Der Rote Halbmond - das ist das Türkische Rote Kreuz, ist sehr gut organisiert. Zelte, Decken, Trinkwasser in Tankfahrzeugen und Behälter und eine Vielzahl mit Singnalkollern gekennzeichneten Helfer des Roten Halbmondes unterstützen die internationalen Hilfskräfte. Die Verständigung wird über einen Dolmetscher, der die deutsche Sprache sehr gut beherrscht, organisiert.
Mit rund 50% kann man sich mit deutscher Sprache durchschlagen und rund 50% ist mit englischen Sprache zu bewältigen, wobei auffallend viele einheimische Frauen ein ausgezeichnetes Englisch sprechen.

Enorme Zerstörung

Das Ausmaß der Zerstörung ist erschreckend, wenn man in einzelne Straßenzüge blickt. Radlader und Bagger bahnten sich Wege durch die von Lehmziegeln übersäten Straßen. Die Bauweise der Gebäude mit Lehmziegeln und Kuppeldächern prägen dieses Land, wie z.B. die Holzbauweise das Land Vorarlberg prägt. Ein Erdbeben der Stärke 6,3 nach Richter lässt dieser Bauweise keine Chance, was die Bilder unschwer beweisen. Die Helfer der SARUV können nur noch Tote orten und bergen. Eine zermürbende Aufgabe, die von der starken Staubentwicklung beeinträchtigt wird. 15 Grad Celsius während des Tages und Temperaturen um den Gefrierpunkt in der Nacht sind verhältnismäßig angenehme Arbeitstemperaturen. Eine sehr wichtige Säule dieses Einsatzes stellen die mitgenommenen Satellitentelefone dar. Mit diesen Geräten kann der unbedingt notwendige Kontakt zur Heimat aufrecht erhalten werden. "Ohne diese Infrastruktur sind solche Einsätze kaum zu bewältigen", stellte Teamleader Lorenzi fest.
Die Gemeinschaft und der Zusammenhalt in der SARUV wird von Feuerwehrleuten, Mitglieder der Bergrettung und einem Arzt - bei diesem Einsatz von LFA Dr. Peter Spöttl - beispielhaft gelebt. Jeder bringt sein Wissen und seine Qualitäten ein und aus diesem Grund formt sich die homogene und leistungsfähige Truppe, die autark alle geforderten Aufgaben erfüllen kann.

Am 29. Dezember werden die Such- und Bergeaufgaben von 07.00 Uhr Früh bis 17.00 Uhr Abends ununterbrochen fortgesetzt. Straßenzug um Straßenzug wird abgesucht und nach getaner Arbeit gekennzeichnet, damit ein mehrfaches Absuchen unterbunden werden kann. Am Abend des zweiten Einsatztages herrschte gegen 18.00 Uhr große Aufregung. Der Präsident des Iran, Kathami, besucht die internationalen Helfer vor Ort und bedankte sich persönlich für deren Einsatz.

Ende des Einsatzes

Langsam, aber sicher zeichnet sich ein Ende des SARUV- Einsatzes ab. 43 Stunden Vorbereitung und Anreise, 18 Stunden Such- und Bergeeinsatz, 13 Stunden Heimreise - eine nüchterne Zeitbilanz, die nicht das Engagement, die nicht das erlebte Leid vor Ort und nicht die Menschlichkeit von internationalen Hilfseinsätzen erfassen kann.

Derartige Einsätze aufgrund von nüchternen Zahlen zu beurteilen wäre nicht richtig. Es ist auch nicht ausschließlich ein Erfolgskriterium, wie viel Lebendbergungen bei derartigen Einsätzen zu verzeichnen sind. Was auch zählt ist die Hoffnung, die den leidgeprüften Menschen bei solchen Naturkatastrophen durch die internationale Katastrophenhilfe gegeben wird - Hoffnung, dass das Leben weitergehen wird - durch die Hilfe von Menschen für Menschen.

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